ein halbes jahr bestimmt schon
als ich heute morgen den schrank öffnete, saß ein kleiner junge zwischen meinen klamotten und verzog sein gesicht zu einer grauseligen fratze, gab seltsame schnarkengeräusche von sich und machte obszöne gesten mit seiner zunge. da ich am frühen morgen nicht mit so etwas gruseligem gerechnet hatte, erschrak ich mich fürchterlich, berappelte mich aber schnell wieder und fragte den kleinen jungen:
“hallo, kleiner junge. sag, warum hast du mich so erschreckt?”
“ich bin kein kleiner junge”, behauptete der kleine junge und machte wieder dieses seltsame schnarkengeräusch, wahrscheinlich um seinen worten nachdruck zu verleihen. “ich bin ein monster.”
“oha, ein monster”, wiederholte ich ungläubig. “in meinem schrank?!”
“ja, hier wohne ich”, sagte der kleine junge, bevor er mit seinen kleinen, spitzen und vermutlich ziemlich scharfen zähnen nach meiner hand schnappte, sie aber – wenn auch nur knapp – verfehlte.
“das ist ja ein ding”, fand ich und machte sicherheitshalber einen schritt zurück. “aber sehr lange wohnst du noch nicht in meinem schrank, oder?”
“naja, ein halbes jahr bestimmt schon.”
“ach was!? ich habe dich hier noch nie gesehen”, meinte ich, während ich vorsichtig nach meinem grünen lieblings-pullover griff und diesen überstreifte. “na, wie dem auch sei. ich wünsche dir noch einen schönen tag, kleiner junge.”
“ich bin ein monster”, fauchte der kleine junge, doch da hatte ich die schranktür schon längst wieder zugeschlagen.



