françois, der fliegende franzose, kam durch das offenstehende fenster geflogen, landete geschickt neben einer leeren bierflasche und klopfte drei mal kurz an meine schranktür, woraufhin ich ihm öffnete.
“salut. mein name ist françois, der fliegende franzose”, sagte françois, deutete eine verbeugung an und fragte: “ist jacques, der einarmige chansonnier zu sprechen?”
ich musterte den fliegenden franzosen, der in diesem moment jedoch nicht flog sondern einfach nur vor mir stand und freundlich lächelte, und überlegte kurz, woher er wohl wusste, dass der einarmige chansonnier jacques in dem schrank wohnte, in dem auch ich lebte. denn jacques hatte, seitdem er bei mir wohnte, noch nie den schrank verlassen, und ich hatte noch nie von ihm erzählt. (wieso der einarmige chansonnier jacques überhaupt bei mir im schrank wohnte, wusste nicht einmal ich. denn eines morgens war er plötzlich da, und da er nicht weiter störte und die meiste zeit nur in der hinteren ecke des schrankes stand und leise lieder sang, konnte er auch bleiben. nur einmal war ich kurz davor, ihn rauszuwerfen, da sang er wirklich laut und schief, hörte aber sofort auf, als ich ihm das stück holz, das ich bob genannt habe, an den kopf geworfen hatte.)
“äh, ja”, sagte ich. “der ist da. natürlich.”
“darf ich mit ihm reden?”, fragte françois der fliegende franzose höflich.
“sicher, ja. hereinspaziert.”
ich machte einen schritt zur seite und die geste, die man meistens macht, wenn man jemanden hinein bittet.
der fliegende franzose kletterte in meinen schrank und stieß sich seinen nur mit wenigen haaren bestückten kopf an der glühbirne, die an einem kurzen kabel von der decke hing, die einzige lichtquelle darstellte und meinen schrank wenigstens ein wenig erhellte.
“aua”, meinte françois, der fliegende franzose, denn die birne, die nun hin und her baumelte, war verteufelt heiß.
“da vorne steht er”, sagte ich und deutete auf einen kleinen mann, der in der ecke des schrankes stand und leise geräusche von sich gab, bei denen es sich um töne und lieder handelte, was man allerdings nur hörte, wenn man seine ohren spitzte und ihm eine weile aufmerksam lauschte.
“jacques”, rief françois plötzlich und ziemlich laut. “oh, mein alter freund. jacques.”
der einarmige chansonnier jacques verstummte, drehte sich zu uns um, und ich glaubte, ein lächeln auf seinem gesicht erkennen zu können.
“françois?”, fragte er, was mich ein wenig verwunderte, denn ich hatte ihn noch nie sprechen gehört. immer nur singen.
“ja, ich bin es. françois, der fliegende franzose.”
“françois!”
der einarmige chansonnier jacques trat aus seiner ecke hervor, blieb vor françois stehen und umarmte den fliegenden franzosen mit seinem einen arm. françois, der zwei arme hatte, umarmte jacques mit beiden armen.
ich verdrückte still eine träne, denn in solchen momenten neige ich dazu, sentimental zu werden, schniefte leise in mein taschentuch und beschloss, die beiden erstmal eine weile allein zu lassen.
als ich nach einer halben stunde wieder meinen schrank betrat, waren die beiden franzosen nicht mehr da, doch fand ich eine nachricht auf einen zettel geschrieben, und las:
“merci, mein komischer deutscher freund, der in einem schrank wohnt. für alles. auch für den fisch.”
“sie brauchen ihn”, murmelte das stück holz, das ich bob genannt habe. “er soll für sie singen, so wie er es früher getan hat, bevor die sache mit amelie passierte.”
“die sache mit… amelie?”, fragte ich.
“keine ahnung”, meinte bob. “ich habe nicht alles verstanden, was sie sagten. mein französisch ist ziemlich miserabel.”
“hmm”, meinte ich nur und blickte ins leere. gerne hätte ich dem einarmigen chansonnier jacques noch lebewohl gesagt.